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Schlagwort: D&I in Tech

Intro Post: Vielfalt und Inklusion – Kein Appell an die Menschlichkeit

Ich habe mich entschlossen diesen Blog als D&I Blog wiederzubeleben, da viele Menschen, mit denen ich in letzter Zeit zum Thema Vielfalt und Inklusion, oder Neudeutsch Diversity & Inclusion – kurz D&I – gesprochen habe, ein völlig falsches Bild oder eine halbaufgeklärte Meinung dazu aufweisen.

Die Tech Branche leidet seit Jahr und Tag an einem massiven Problem: Fachkräftemangel. Der typische Uni-Absolvent in Informatik / Computer Science ist männlich, weiß und sucht sich seinen Job aus. Er wird umworben von vielen globalen Unternehmen, die händeringend nach Nachwuchs suchen, um die Anforderungen, die die notwendige digitale Transformation an sie stellt, zu erfüllen. Es werden mehr und mehr Prozesse und Geschäftsabläufe digitalisiert, Software ist für fast jede Anforderung die ultimative Antwort. Und während die digitale Transformation ein extrem wichtiges und unabdingbares Thema in den Unternehmen ist, scheitert es meist an fehlenden Mitarbeitern, die die notwendigen Fähigkeiten zur Gestaltung der entsprechenden Strukturen und Softwarelösungen mitbringen. Die Vergütung in den entsprechenden Positionen ist gut, die Unternehmen, gerade aus der Tech Branche, die ihr Geld mit der digitalen Transformation

Eigentlich die idealen Voraussetzungen, um in diesem Bereich auch als Teil einer marginalisierten Gruppe (Women, People of Color, DisAbled People, Migrational Background, etc) Fuß zu fassen. Leider sind aber sowohl die Stellenausschreibungen, die Teams, selbst Studienfächer und Weiterbildungsmöglichkeiten, zu großen Teilen am existierenden Pool an Talenten orientiert. Damit eben ausgerichtet an männlichen weißen heterosexuellen Menschen im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte und Funktionen. Und Inklusion findet selten statt. Öffentliche Einrichtungen müssen in Deutschland weitgehend barrierefrei gestaltet sein. Zum Beispiel muss es möglich sein als Person im Rollstuhl die Agentur für Arbeit zu besuchen. Sollte nun aber diese Person sich auf eine Stelle bewerben, die nicht im öffentlichen Dienst ist, so gebärt sich der potentielle Arbeitgeber meist in einer abschreckenden nicht-inklusiven Gestalt. Fehlende Aufzüge, nicht rollstuhlgerechte Toiletten, fehlende Möglichkeit der Arbeit von zu Hause aus, sind nur ein Beispiel für mangelnde Inklusion.

Dabei könnten alle Arbeitgeber massiv von weitreichender Vielfalt in ihren Teams profitieren. Die Produktentwicklung ist nur eine Möglichkeit die Wichtigkeit des Themas herauszuarbeiten. Sie soll hier aber als Beispiel dienen.

Ein interessanter Blick auf das Thema Vorteil durch Vielfalt eröffnet sich, wenn wir beim Beispiel Behinderung bleiben. Da mir die Zahlen für Deutschland fehlen, greife ich auf die US Zahlen für den Verlust der Funktion einer oberen Extremität zurück.

Bei 26’000 Menschen, die eine permanente Dysfunktion eines oder beider Arme erfahren, gibt es 13 Millionen Menschen, die eine temporäre Einschränkung der Nutzbarkeit eines oder beider Arme zum Beispiel durch einen Armbruch haben. weitere 8 Millionen Menschen sind situational eingeschränkt in der Benutzung eines oder beider Arme, zum Beispiel durch das Tragen eines Babys. Eine weitere nicht schätzbare Zahl kann nur eine Hand benutzen, weil sie sich zum Beispiel im Bus an einer Haltestange festhalten. Bei der Rücksichtnahme auf eine relativ kleine Personengruppe von 26’000 Menschen, die eine permanente Behinderung haben, profitieren mehr als 20 Millionen Menschen. Bricht man das 1:1 auf Deutschland herunter sind wir immer noch bei beeindruckenden 5 Millionen Menschen oder mehr, die wir mit einer inklusiven Produktgestaltung unterstützen. „Solve for one, extend to many.“ (Zahlen und Beispiele aus Microsofts Inclusive Toolkit Manual, zu finden unter https://download.microsoft.com/download/B/0/D/B0D4BF87-09CE-4417-8F28-D60703D672ED/INCLUSIVE_TOOLKIT_MANUAL_FINAL.pdf).

Das Thema Vielfalt ist noch wesentlich größer als die Forderung nach Barrierefreiheit in allen Aspekten des Lebens. Bunte Teams können wesentlich mehr Aspekte abdecken, als ein Produkt nur barrierefrei zu designen. So sind Teams, die nur aus einer Bevölkerungsgruppe zusammengesetzt sind, immer eine Fehlerquelle. Ganz egal, ob es um den Vertrieb, Marketing, Entwicklung oder Forschung geht.

Und Vielfalt und Inklusion nur auf den solidarischen Gedanken zu reduzieren ist nicht nur verletzend sondern wirtschaftlich irrational. Auch wenn es auf den ersten Blick den Eindruck macht, als würden durch Inklusion höhere, vielleicht unternehmerisch nicht tragbare Kosten entstehen, so ist das gegengerechnete wirtschaftliche Risiko ein Produkt neu entwickeln zu müssen, weil wichtige Aspekte der Barrierefreiheit vernachlässigt wurden, höher. Andere inklusive Maßnahmen wie zum Beispiel eine selbstauferlegte Frauenquote, die Unterstützung der Interessen einer LGBTQ+ Community im Unternehmen und kulturelle Vielfalt sind Ziele, die ohne Kosten umzusetzen sind. Außerdem gibt es für das Einstellen von Menschen mit einer Schwerbehinderung und der behindertengerechten Ausgestaltung des Arbeitsplatzes staatliche Förderung (https://www.einfach-teilhaben.de/DE/StdS/Ausb_Arbeit/Foerderung_AG/foerderung_ag_inhalt.html).

Warum sind unsere Teams dann nicht vielfältiger und inklusiver? Aus Bequemlichkeit? Ehrlich? Riskant.