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Autor: jansche

Jan Schenk ist als Developer Evangelist bei der Microsoft Deutschland GmbH tätig. Mit den Themen rund um Web/Live ist er am Herzschlag der internetorientierten Aspekte des .NET Frameworks. Seine Fokuspunkte liegen auf ASP.NET, Silverlight, Microsofts Cloud Computing, der Windows Azure Plattform und Interoperabilität mit anderen Web-Technologien. Jan Schenk hat acht Jahre Erfahrung im FreeSoftware-Umfeld gesammelt, bevor er 2008 zu Microsoft Deutschland wechselte. Er kennt die Vor- und Nachteile jeder Seite und geht der offenen Diskussion darüber nicht aus dem Weg.

Eure WhatsApp Sprachnachricht ist zum Kotzen

Ich bin heute über diesen Artikel in der Huffington Post gestolpert, und kann der Meinung der Autorin nur zustimmen. Sprachnachrichten zu versenden ist rücksichtslos, exkludierend und echt nervend. Auf der Metaebene betrachtet, ist die Sprachnachricht eine beispielhaft – im negativen Sinne – exklusives Verhalten unserer Gesellschaft.

http://m.huffingtonpost.de/amelie-graen/sprachnachrichten-whatsapp-nervig_b_18675912.html

Jetzt solltet ihr den Artikel gelesen haben, und euch bewusst geworden sein – wenn ihr nicht schon vorher die Unsäglichkeit der Sprachnachricht erkannt hattet – dass es ein allgegenwärtiges Problem gibt. Die Nichtrücksichtnahme auf die Vielfalt des Empfängerpublikums.

Und nicht einmal für blinde Menschen ist die WhatsApp Sprachnachricht richtig gut. Jedes Smartphone, das blinde Menschen verwenden, hat einen barrierefreien Bedienmodus. Der sich individuell anpassen lässt. Zum Beispiel in der Vorlesegeschwindigkeit. Die WhatsApp Sprachnachricht hebelt diese Funktion aus, und da WhatsApp noch kein Speech-to-Text für empfangene Nachrichten anbietet, sondern darauf vertraut, dass die Sender sich der Situation ihrer Adressaten bewusst sind, wird das Thema Inklusion einfach mal geopfert. Weil Sprachnachrichten so super sind? WTF?

Ich bezweifle nicht, dass der Sender es gut und persönlich meint, wenn er eine Sprachnachricht aufnimmt und versendet. Und auch der Versuch, es dem Empfänger zu ermöglichen, die Nachricht dann zu hören, wenn er die Zeit dazu hat und nicht ein synchrones Gespräch führen muss, wenn der Anrufer dies für passend hält, ist sicher ehrenhaft. Aber bitte nicht zu diesem Preis.

Hört also bitte mit dem Blödsinn auf. Oder fragt bei eurem Empfänger jedes Mal nach, ob der Empfang einer Sprachnachricht OK ist. Das sind die zwei einzigen sinnvollen Optionen.

Zum Thema „Nachfragen“ gibt es einen sehr schönen inklusiven Ansatz, der über die bekannte „person first language“ (https://en.wikipedia.org/wiki/People-first_language) hinaus geht, und zwar sich der Situation des Gegenübers bewusst zu machen (https://radicalcopyeditor.com/2017/07/03/person-centered-language/) und nicht kopflos einem Prinzip zu folgen. Einfach mal nachfragen. Tut nicht weh. Und zeigt Respekt.

Edit (20.12.2017, 11:32 Uhr): Ich habe den Absatz zu blinden Menschen gestrichen, da ich derzeit nicht die notwendige Erfahrung bzw. Einblicke in das Nutzungsverhalten von blinden Menschen habe, um eine allgemeingültige Aussage dazu zu treffen und behaupten zu können, dass blinde Menschen einen Vorteil aus der Nutzung von der Vorlesefunktion für Textnachrichten vs. WhatsApp Sprachnachrichten haben. Nichtsdestotrotz bleibe ich bei meiner Aussage, dass die Nutzung von WhatsApp Sprachnachrichten nicht-inklusives Verhalten darstellt und Menschen benachteiligt, die zum Beispiel eine situationale oder temporäre Hörbehinderung haben.

Vielfalt positiv darstellen. Eine Einstellungssache.

Disclaimer: Ich arbeite für Microsoft. Nicht in einer Inklusionsrolle, obwohl das vielleicht das Beste wäre, was ich mir vorstellen könnte. Wann immer ich Microsoft erwähne, kritisiere oder positiv darstelle, ist das natürlich beeinflusst. Das kann und will ich nicht abschütteln, aber solange ich es erwähne, könnt ihr euren eigenen Filter anlegen. Und das solltet ihr auch tun.

Gerade eben habe ich den diesjährigen Christmas Holiday Spot von Microsoft gesehen. Und war direkt fröhlich gestimmt. Nicht, weil die Produkte, die dort gezeigt werden so umwerfend sind, und auch nicht, weil der Inhalt des Spots – es dreht sich um ein Weltraumabenteuer eines Mädchens, das seine 2D Welt verlässt – so überzeugend ist. Es sind die liebevollen kleinen Szenen, in denen es um Inklusion geht. Schaut es euch selber an.

3D Holiday

Seeing AI – Digitale Unterstützung für blinde Menschen

Quelle: https://blogs.msdn.microsoft.com/accessibility/2017/12/13/seeing-ai-new-features/

Im US iOS App Store gibt es sie schon länger, nun ist sie auch für den europäischen Markt verfügbar: die Seeing AI App. Diese Assistenz-App unterstützt blinde Menschen in der Welt der Sehenden.

Wer die App noch nicht kennt und ein iPhone besitzt, der sollte sich die Zeit nehmen und sie installieren. Neben der Unterstützung, die diese App für blinde Menschen bietet, ist sie eine schöne Demonstration dessen, was Technologie leisten kann, nicht nur im Feld der Inklusion. Die App ist in der Lage, Szenen, die per Handykamera aufgenommen werden, in gesprochenen Text umzuwandeln. Ebenso werden Farben, Lichtintensität, handschriftliche und gedruckte Texte sowie verschiedene Währungen einschließlich Euro erkannt. Sie kann im Live-Modus Gesichter erkennen, die schon einmal eingespeichert wurden. So hilft die App ein Gegenüber zu identifizieren. Das funktioniert sehr schnell und fehlerarm. Unbekannte Gesichter werden, soweit ich das in der kurzen Testphase, die mir zur Verfügung stand, mit den Merkmalen Alter und Gesichtsbehaarung beschrieben.

Über die Bedienung im Modus für Menschen mit Sehbehinderung kann ich derzeit noch nicht viel sagen, denn auf der Android Plattform ist die App derzeit nicht verfügbar. Ob und wann sich das ändert ist derzeit noch offen.

Eine weitere Erwähnung wert ist das Disability Answer Desk von Microsoft. Dorthin kann man sich wenden, um herauszufinden, welche Produkte von Microsoft Barrierefreiheit unterstützen und in welchem Ausmaß.

Das Feedback, das die Seeing AI App in dem guten Jahr, das sie jetzt auf dem Markt ist, aus meinem direkten Umfeld bekommen hat, ist positiv. In diesem Umfeld befinden sich auch blinde Menschen, auf deren Urteil ich natürlich ungleich mehr Wert lege, als auf das von meinen Bekannten, die nur die Technologie hinter der App beurteilen. Auch wenn es noch einige Unwegsamkeiten in der App gibt, so ist es doch ein schöner Schritt in die richtige Richtung, um Menschen mit Behinderung eine Gleichstellung und Teilhabe in unserer an vielen Stellen viel zu wenig inklusiven Gesellschaft zu ermöglichen.

David gegen Goliath: wenn die Sinnhaftigkeit siegt.

Gestern bin ich über diesen Artikel gestolpert, und fand ihn lesenswert. Auch wenn das nicht der Status Quo der Gesellschaft ist, wie ich ihn mir wünsche – es fehlt an viel zu vielen Stellen an Verständnis für den Wert der Inklusion, dass sie unsere Gesellschaft bereichert und nicht nur notwendiges soziales Denken ist sondern Zugewinn und Bereicherung – so ist es doch ein schönes Beispiel, wie wir auch mit Rechtsmitteln eine bessere inklusivere Welt gestalten können.

Text in Englisch.

https://www.edsurge.com/news/2017-12-08-how-a-blind-student-who-felt-locked-out-of-stem-classes-challenged-and-changed-her-university

Wenn du heute nur 10 Minuten hast, um etwas sinnvolles zu lesen, lies das hier:

Da die zehn Minuten sogar etwas knapp bemessen sind, mache ich es kurz, teasere mit einem Zitat aus eben diesem Artikel an und schicke euch dann zu Mikey Ilagan Gedankenwerk weiter, unter dessen Titel ich mir definitiv etwas anderes in Sachen Barrierefreiheit vorgestellt hatte. Aber ich wurde positiv überrascht.

„Meeting legal compliance is doing the bare minimum to avoid lawsuits. Ethically, we should strive to do more.“

Web Accessibility: What You Say vs. What I Hear